Dreidimensionalles Chenrezig-Mandala
„Sinn und Zweck eines Mandalas ist es, dem Meditierenden den Weg nach innen, zum Zentrum des Mandalas, zur Essenz zu weisen.“
S. E. Dagyab Kyabgön Rinpoche
Das Mandala des Chenresig
Im tibetischer Buddhismus spielen Mandalas eine zentrale Rolle in Ritualen und in der Meditation. Der Sanskrit-Begriff „Mandala“, im Tibetischen „Kyil-Khor“ bedeutet so viel wie „Zentrum und Umgebung“ und beschreibt eine symbolische Darstellung der tantrischen Weltordnung. Künstlerisch betrachtet bestehen Mandalas aus präzisen geometrischen Mustern, die in aufwendiger Handarbeit – etwa aus gefärbtem Sand, als Malerei oder auch als dreidimensionales Kunstwerk – geschaffen werden.
Ein Mandala ist jedoch weit mehr als ein dekoratives Bild: Es dient als spirituelle Landkarte. Im Zentrum befindet sich ein tantrischer Buddha bzw. das ihm oder ihr zugeordnete Symbol, während die umgebenden Strukturen verschiedene Ebenen des tantrischen Kosmos darstellen.
Ein besonders spannender Aspekt ist die zumeist gedachte Dreidimensionalität: Mandalas sind eigentlich als architektonische Räume konzipiert. Die flache Darstellung entspricht dem Grundriss eines komplexen Tempelpalastes mit Toren, Mauern und Innenräumen. In der Meditation stellen sich Praktizierende vor, diesen Raum zu betreten und sich schrittweise dem Zentrum zu nähern. Dadurch wird das Mandala zu einem inneren Erfahrungsraum.
Die Herstellung eines Sandmandalas kann mehrere Tage dauern und erfordert große Konzentration. Am Ende wird es bewusst zerstört, und der Sand wird oft in fließendes Wasser gestreut. Dieses Ritual verdeutlicht eine zentrale Lehre des Buddhismus: die Vergänglichkeit aller Dinge.
Das dreidimensionale Mandala des Tibethaus wurde 2017/18 auf Bitten des damaligen Geschäftsführer Phuntsok Tsering von Ulrike Hoffmann, einer langjährigen Schülerin von Dagyab Rinpoche anhand von tibetischen Texten hergestellt. Im Zentrum thront eine kleine Statue des Chenresig, des Buddha oder Bodhisattva des unendlichen Mitgefühls. Der Schirmherr des Tibethaus, der Dalai Lama wird traditionell als Verkörperung von Chenresig angesehen.
Vor den Toren in den vier Himmelrichtungen befinden sich verschiedenfarbige Holzkugeln, die mit Erde von den heiligen buddhistischen Orten in Tibet, China und dem Himalaya-Raum gefüllt und versiegelt sind. Zu jeder einzelnen Kugel gibt es einen „Zwilling“, der den jeweiligen Unterstützern des Mandala-Projektes übergeben wurde als Symbol für die energetische Verbundenheit zwischen den heiligen Orten, ihnen und dem Tibethaus-Mandala.