Bodhicitta - Frei im Geist, mit allen verbunden

„Wer den absoluten Zustand der Leerheit erkannt hat,
der kann nicht mehr leiden, selbst wenn er möchte.
Damit sehen wir die total enge Verbindung von Leerheit
und großem Mitgefühl. Bodhicitta ist das Ergebnis
davon.“


S. E. Dagyab Kyabgön Rinpoche

Bodhicitta - Frei im Geist, mit allen verbunden

Das neue Aufbaustudien- und Praxisprogramm zum Geistestraining im Tibethaus

Das Streben nach Glück treibt uns um. Mit unserer gewöhnlichen Einstellung, unser persönliches Wohl in den Vordergrund zu stellen, haben wir noch kein dauerhaftes Glück erreichen können, weder für uns noch für andere. Im zeitlosen Ideal des Bodhisattva, der als Mensch unter Menschen in der Welt lebt, ohne darin verstrickt zu sein, und sich mit geschickten Mitteln für das Wohl der anderen einsetzt, begegnet uns eine radikal neue Denk- und Lebensweise. Damit wollen wir uns in diesem Studienprogramm auf vielfältige Weise auseinandersetzen.

Zwei Texte – ein Weg
Wir haben zwei berühmte und gleichzeitig berührende Werke des buddhistischen Kanons ausgewählt, die auf jeweils ganz eigene Weise den Weg der inneren Entwicklung beleuchten. Zunächst werden wir mit dem praxisorientierten „Sonnenstrahlen des Geistestrainings“ arbeiten, dem Kommentar des tibetischen Meisters Namkha Päl zu den Sieben Punkten des Geistestrainings nach Atisha. Im zweiten Teil des Studienprogramms lernen wir das Vimalakirti-Nirdesa-Sutra kennen. Hier stellen wir den Erkenntnisaspekt, die wahre Natur der Realität zu erfassen, in den Vordergrund.

Sonnenstrahlen des Geistestrainings
Unsere innere Einstellung zu verändern, vom egozentrischen zum altruistischen Denken zu kommen, darum geht es im (Mahayana) Buddhismus. Das tibetische Lojong-System ist ein Weg, der uns einiges abverlangt. Wir werden Schritt für Schritt dazu angeleitet, wie wir konsequent die Wertschätzung der anderen zur Maxime unseres Handelns machen und dabei widrige Umstände als Chancen zum inneren Wachstum freudig annehmen können. Das Ganze ist stets eingebettet in die Sicht vom Abhängigen Entstehen und der Leerheit von inhärenter Existenz.
Der Lojong-Text „Sonnenstrahlen des Geistestrainings“ stammt von Hortön Namkha Päl, einem Schüler von Lama Tsongkhapa (14. Jh.). Er bildet einen Kommentar zu den „Sieben Punkten des Geistestrainings“, die von dem indischen Gelehrten Atisha (982-1054) auf der Basis älterer Überlieferungen zusammengestellt und zunächst nur privat ausgewählten Schülern weitergegeben wurden. Erst mit Geshe Chäkawa, (12. Jh.), der die Sieben Punkte um die Merkverse erweitert hat, durften diese Unterweisungen öffentlich gelehrt werden.

Vimalakirti-Nirdesa Sutra (Die Lehre von Vimalakirti)
Das Sutra von der unvorstellbaren Befreiung entstand vor fast 2000 Jahren und ist eine der bekanntesten buddhistischen Schriften. Sie wird von Mahayana-Buddhisten in Indien, Zentralasien, China, Japan und Südostasien seit Jahrhunderten rezitiert, studiert und verehrt. Der Text ist eine Quelle der Inspiration, des Humors, der Schönheit und Freude und gleichzeitig eine tiefgründige Dharma-Unterweisung. Er lädt uns – wie viele Mahayana-Sutras - ein in eine Welt voller Wunder und führt uns gleichzeitig in die Philosophie des Madhyamaka, des Mittleren Wegs, ein. Besondere Höhepunkte sind das Kapitel von der Nicht-Zweiheit und die Beschreibung, wie ein Bodhisattva in der Welt handelt. Durch Vorträge, Lesungen, Meditation, Reflexion und Diskussion werden wir das Sutra lebendig machen. Es enthält ausdrucksstarke Bilder und tiefgründige Aussagen über die Natur der Realität, die uns auf dem Weg inspirieren können.

Das Studienprogramm umfasst acht Wochenendseminare und eine vertiefende Klausurwoche.

Termine und Themen

Teil A | Uns(er) Selbst herausfordern

Wir betrachten unsere derzeitige Lebenssituation und erkennen, dass wir als Menschen nicht nur zu innerer Einsicht und Selbstkontrolle fähig sind, sondern dass wir auch unser Engagement für andere mit Energie voranzutreiben können. Das Denken an die Vergänglichkeit  aller Dinge hält uns wach und verhindert, dass wir unsere ernsthaften Bemühungen auf später verschieben. Die Analyse, das klare Verständnis des Karma-Gesetzes von Ursachen und Wirkungen lässt uns die Gesetzmäßigkeiten, nach denen sich unsere Welt gestaltet, nach denen wir unsere Welt gestalten, begreifen. Aus all diesen Erkenntnissen erwächst die Sehnsucht, diesen stetigen Kreislauf der konflikterzeugenden Muster ein für alle Mal zu unterbrechen. Dieser Entschluss bildet die Basis für alle darauf aufbauenden Bemühungen, auch das Leiden der Anderen lindern und beenden zu wollen.

Nun fokussieren wir uns darauf, dass wir nicht alleine in dieser Welt existieren können, sondern nur in enger Verbundenheit mit allen anderen. Wir erkennen die grundlegende Gleichheit aller und entwickeln eine tiefe Wertschätzung für andere, denen wir nichts weniger als unser Leben und Glück verdanken. Aus dieser Haltung von Dankbarkeit erwächst Liebe, und aus diesem grundlegenden Gefühl üben wir die  tiefgehende meditative „Methode des Nehmens von Leid und des Gebens von Glück an andere“. Diese Methode ist sanft und revolutionär zugleich, stellt sie doch unser gewohntes Denken an unseren eigenen vermeintlichen Vorteil auf den Kopf.

Drittes Wochenende | An Schwierigkeiten wachsen | 12./13.11.2016

„Schwierige Lebensumstände und sogenannte Feinde sind hochzuschätzen, da sie uns helfen, bei unserer inneren Entwicklung voran zu kommen.“ Dieser Kernanspruch der Geistesumwandlung ist zunächst „schwere Kost“. Daher brauchen wir schon Mut und große Entschlossenheit, uns dieser Aufgabe zu stellen. Doch wir wollen nicht zurück in alte Schablonen, wir nehmen die Herausforderungen an! Richtig verstanden sind sie sogar der Nährstoff für unsere neue Einstellung. Wir bekommen viele Hilfestellungen aus dem Geistestraining, die uns dabei unterstützen, immer kraftvoll und zuversichtlich am Ball zu bleiben, ohne uns selbst zu verlieren.

Viertes Wochenende | Innere Stabilität | 14./15.1.2017

Durch fortgesetztes Nachdenken, Üben und achtsames Handeln verankern wir das neue Denken in uns und lassen es zur Gewohnheit werden. Was auch geschieht, was uns auch begegnet, wir bleiben unbeirrt und kraftvoll auf unserem Weg der Geistesumwandlung. Wir lassen uns inspirieren von den Beispielen buddhistischer Lehrer, die auch unter schwierigsten Lebensumständen nie von der Maxime des gewaltfreien, liebevollen Handelns zum Wohle anderer abgewichen sind. Das Lojong begleitet uns mit zahlreichen Hinweisen und Denkanstößen.

Fünftes Wochenende | Einsicht | 25./26.2.2017

Mitfühlendes Handeln ist der eine Flügel während die sachgemäße Analyse der tatsächlichen Realität, aus der Einsicht erwächst der zweite Flügel eines Bodhisattvas ist. Nur aus der Kombination, aus dem Zusammenwirken der beiden, kann Befreiung erwachsen. Wir vertiefen uns daher in die Madhyamika-Sicht der Art und Weise, wie wir selbst, also unser Ich- und die Welt, also alle Phänomene, - wahrhaft und letztendlich existieren. Wir ergründen die Begriffe „Abhängiges Entstehen“ und „Leerheit“. Bodhicitta und Leerheit kann man nicht trennen, es sind die zwei Arten von Bodhicitta, das relative und das absolute, die den Weg zur Buddhaschaft bilden. 

Teil B | Über alle Begriffe hinaus

 Das Ideal des Bodhisattvas begegnet uns auch im 2000 Jahre alten Lehrtext  „Vimalakirti-Nirdesha – Das Sutra von der unvorstellbaren Befreiung“. Wie der Titel schon andeutet, sollen die darin enthaltenen Schilderungen von Begebenheiten unser Denken in herkömmlichen Kategorien sprengen. All unser Festhalten an Konventionen – an Werten, Größen, Realitäten – wird hinweggefegt und was uns richtig oder falsch, groß oder klein, wertvoll oder minderwertig erschienen war, kommt auf den Prüfstand und wird im Lichte der Weisheit von der Nicht-Dualität neu bewertet. Damit erfahren wir unmittelbar die Wirkung der Sicht der Leerheit der Phänomene und der Leerheit des Ich von jeglicher inhärenter Existenzweise. Wir müssen alles Gewohnte in Frage stellen, loslassen.

Wie verhält sich denn nun ein Bodhisattva? Wie folgt er der Maxime des altruistischen Handelns? Die Antwort Vimalakirtis ist radikal und überraschend. Er benutzt virtuos die Mittel der Sprache und der Wunder, um die Menschen zur spirituellen Reife zu bringen und macht damit selbst die gelehrten Schüler Buddhas sprachlos. Lassen wir uns verwirren, verblüffen und verzaubern von den Schilderungen in diesem alten Mahayana-Sutra.

Erstes Wochenende | Vimalakirti und die Welt der Wunder | 6./7.5.2017

Wir begeben uns auf eine Zeitreise in die Anfänge des Buddhismus und lernen den geschichtlichen Kontext des Sutras und die Entwicklung des Mahayana-Buddhismus als Erweiterung der Schule der Alten kennen. Das Sutra wird zum Leben erweckt, indem die einzelnen Kapitel und Themen im Überblick vorgestellt und die beteiligten Personen durch Lesungen nahegebracht werden. Sehr lebendig erfahren wir von den unterschiedlichen Begegnungen einzelner Menschen – seien es normale Bürger, Schüler des Buddha oder Bodhisattvas – mit dem „Laien“ Vimalakirti. Durch Vimalakirtis brillante Einlassungen wird die Denkweise des Mahayana unmittelbar erfahrbar. Als Person verkörpert er das zeitlose Ideal des Bodhisattva, der als Mensch unter Menschen in der Welt lebt ohne darin verstrickt zu sein und geschickte Mittel zur Befreiung der Wesen einsetzt. 

Zweites Wochenende | Grenzen des Denkens sprengen | 17./18.6.2017

Mit den Themen Leerheit und Abhängiges Entstehen befassten wir uns schon im ersten Teil des Studienprogramms und versuchten, uns mit Hilfe der logischen Analyse anzunähern. Die Leerheit und Nicht-Zweiheit begegnet uns nun wieder in vielfältigen Beispielen und Bildern. Wir erfahren ganz direkt, wie unser Festhalten an gewohnten Kategorien einfach ausgehebelt wird. Wir kommen mit Vimalakirti an den Punkt, wo es nur noch Schweigen gibt. Und indem Vorurteile und Schwarz-Weiß-Denken entlarvt werden, ist das Sutra plötzlich ganz modern. Was können wir für unseren Alltag daraus lernen?

Drittes Wochenende | Den Weg des Buddha gehen | 9./10.9.2017

In einer abschließenden Zusammenschau erfahren wir noch einmal die zwei Aspekte des Buddhaweges – Methode und Weisheit, Handeln und Erkennen. Handeln ohne Erkennen führt nur tiefer in die Sackgassen des Leidens. Auch Erkenntnis ohne mitfühlendes Handeln bringt uns dem Ziel nicht näher sondern bestenfalls in formlose Bereiche, die irgendwann wieder im Leiden enden. Wie auch bei Shantideva einige hundert Jahre später werden wir berührt von den Schilderungen, wie Bodhisattvas in der Welt zum Nutzen aller Lebewesen leben und handeln. Die Notwendigkeit dafür ist heute so aktuell wie eh und je.

Teil C | Vertiefende Klausur | Den Durchbruch schaffen

Um mit allen Inhalten und Methoden, die wir im Verlauf der acht Studienwochenenden kennengelernt haben im Sinne von „den Geist gewöhnen“, noch besser vertraut zu werden, werden wir in schon bewährter Weise eine intensive Woche der Meditation und Vertiefung durchführen. Das Geistestraining, zusammen mit einem Verankert sein im Bewusstsein der Leerheit soll zu einer Lebensweise werden, dann haben wir etwas erreicht.

Studienprogramm Tibethaus
Seminar im Tibethaus © tibethaus
Voraussetzungen:

Gutes Verständnis des buddhistischen Stufenwegs, Bereitschaft und Mut zur inneren Veränderung.

 

Ein Fernstudium ist auch möglich. Ermäßigung können bei bestimmten Voraussetzungen angefragt werden. (z.B. gleichzeitige Teilnahme am Lamrim-Studienprogramm, Studium allgemein etc.) 

Seminarzeiten:

Samstag 10.00 – 13.00 Uhr und 15.00 – 18.30 Uhr; Sonntag 9.30 – 13.00 Uhr
Klausurbeginn und –ende jeweils um 14.00 Uhr

Studienmaterialien:

Die beiden Bücher; eine Sammelmappe und pro Wochenende eine CD mit den MP3-Dateien sowie weiteren Texten.

 

Ein Fernstudium ist auch möglich. Ermäßigung können bei bestimmten Voraussetzungen angefragt werden. (z.B. gleichzeitige Teilnahme am Lamrim-Studienprogramm, Studium allgemein etc.) 

Kosten:

Mitglieder 70 Euro pro Wochenende, 140 Euro für Klausurwoche
Nichtmitglieder 95 Euro pro Wochenende, 185 Euro für Klausurwoche
Zuzügl. Übernachtung und Verpflegung.

Ermäßigungen:

Studentinnen/Studenten erhalten 10 Euro Ermäßigung pro Wochenende.
Verheiratete/Lebenspartner erhalten bei gemeinsamer Anmeldung jeweils eine Ermäßigung von 10 Euro pro Wochenende. Oder auf gesonderte Nachfrage.

Mitwirkende Referentinnen und Referenten:

Teil A

  • Referent:

    • Bhikshu Tenzin Peljor: erfahrener Lehrer buddhistischer Seminare, systematisches Studium des Buddhismus seit 20 Jahren.

  • Meditationen:

    • Annette Kirsch, Lektorin und MBSR-Lehrerin, langjähriges Studium und Praxis des Buddhismus. Tutorin bei Dagyab Rinpoche.
    • Sabine Leuschner, Studium und Praxis des Buddhismus seit über 30 Jahren. Tutorin bei Dagyab Rinpoche.
    • Dr. Jochen Dienemann, Arzt, erfahrener Kursleiter, Studium und Praxis des indo-tibetischen und des Zen Buddhismus seit über 20 Jahren. Tutor bei Dagyab Rinpoche.

Teil B

  • Referentinnen:

    • Dr. Cornelia Weishaar-Günter: Tibetisch-Übersetzerin und Kursleiterin, intensives Studium und Praxis des Buddhismus seit 1976. Tutorin bei Dagyab Rinpoche.
    • Dr. Monika Dräger: Ärztin und Lektorin; langjähriges Studium und Praxis des Buddhismus.

  • Referent und Meditationen:

    • Dr. Jochen Dienemann, Arzt, erfahrener Kursleiter, Studium und Praxis des indo-tibetischen und des Zen Buddhismus seit über 20 Jahren. Tutor bei Dagyab Rinpoche.

  • Klausurwoche Leitung:

    • Bhikshu Tenzin Peljor und weitere Referenten