TANTRA - MERKBLATT

zusammengestellt und erläutert von

S. E. Dagyab Kyabgön Rinpoche

Bevor man seinen Lehrer um die erste tantrische Ermächtigung bittet, sollte man sich die folgenden Punkte vergegenwärtigen:

1.) Voraussetzungen:

Ein Schüler oder eine Schülerin muss

  1. buddhistische Zuflucht genommen haben,
  2. Lam-Rim-Erfahrung haben, das heißt, sich vorher mit dem kompletten Lam­Rim vertraut gemacht haben ("Lam-Rim" oder "Der Stufenweg" ist eine strukturierte Zusammenfassung der buddhistischen Lehre, selbstverständlich sind auch die Vorbereitenden Übungen aller anderen tibetisch buddhistischen Traditionen gleichwertig).
  3. eine Motivation anstreben, die sich zum Ziel setzt, selbst die Buddhaschaft zu erlangen, um alle Lebewesen zur Buddhaschaft führen zu können. Diesen "Erleuchtungsgeist" nennt man mit dem Sanskrit-Wort "Bodhicitta". Praktizierende, die Bodhicitta verwirklicht haben, nennt man Bodhisattvas.
    Für diejenigen, die den Weg des Bodhisattva gehen wollen, gibt es die Bodhisattva-Gelübde.
  4. die Bodhisattva-Gelübde kennen und bereit sein, sie zu nehmen.
  5. den Lehrer vorher kennen und geprüft haben, ob er die Qualitäten eines tantrischen Lehrers besitzt. Der Schüler muss sich darüber klar sein, dass durch eine Einweihung eine unwiderrufliche tantrische Lehrer-Schüler-Beziehung mit allen Konsequenzen entsteht.
  6. bereit sein, die eventuellen Verpflichtungen, Gelübde und Versprechungen aus einer Einweihung lebenslänglich zu halten.
  7. sich der karmischen Verbindung und der Konsequenzen für Lehrer und Schüler bewusst sein.
  8. die Einweihung nehmen, um die entsprechende Praxis auch wirklich auszuüben oder um einen Bewusstseinseindruck ("Segen") zu erhalten.
  9. den eigenen Lehrer fragen, ob er ihn für geeignet hält, die Einweihung zu nehmen. Ohne die persönliche Beziehung zu einem Lehrer, der einen ständig betreut, hat es wenig Sinn, Tantra zu praktizieren.

2.) Was ist Tantra?

Tantra ist ein Weg, mit dem man durch tiefgründige Meditation sowie durch Verwendung von Mantras, Mudras und symbolischen Substanzen schnell die Buddhaschaft erlangen kann. Vom Ansatz her beruhen die Methoden des Tantra auf der meditativen Transformation des ungereinigten Geistes in einen gereinigten. Die schnelle, kraftvolle Wirkung kann sich nur durch die grundlegende Kenntnis des Fundaments (Lam-Rim), intensives Streben nach der reinen Bodhicitta-Motivation und genaue Einhaltung der Regeln und Gelübde entfalten. Die Methode ist nicht nur schnell und tiefgründig, sondern auch gefährlich. Wenn man mit dem Tantra unsachgemäß umgeht, z.B. die Motivation vernachlässigt oder die Regeln missachtet, muss man mit negativen Folgen in dieser und den zukünftigen Existenzen rechnen.

3.) Tantra-Klassen

Es gibt vier Tantra-Klassen: Kriya-Tantra, Charya-Tantra, Yoga-Tantra und (Maha-) Anuttarayoga-Tantra. Die beiden letzteren sind mit der lebenslänglichen Verpflichtung zur täglichen Rezitation des "Sechsfachen Guru-Yoga", entsprechend den kanonischen Texten, verbunden.

4.) Was ist eine Ermächtigung?

Was ist eine Ermächtigung (tib.: Wang)? Der Eintritt in das Mandala (die Umgebung) einer Gottheit ist - falls es sich um die erste Einweihung handelt - gleichzeitig der Einstieg ins Tantra. Eine tantrische Gottheit ist Buddha in einer ganz bestimmten Erscheinungsform, die spezifische Eigenschaften betont und zum Ausdruck bringt. So werden beispielsweise Avalokiteshvara mit allumfassendem Mitleid und Manjushri mit Weisheit und Erkenntnis in Verbindung gebracht. Fragt man sich, woraus die tantrische Gottheit besteht, so lautet die Antwort: aus dem subtilsten Bewusstsein im Zustand der Großen Freude, das die Leerheit erfasst. Deshalb beginnt jede tantrische Meditationsanleitung (Sadhana) mit der Leerheitsformel und einer Meditation an der Leerheit, aus der sich dann die Gottheit manifestiert.

Man kann die tantrischen Gottheiten also auch als Symbolbilder sehen. Durch die Identifikation mit ihnen soll die eigene zukünftige Buddhaschaft in der Praxis Übungsweise vorweggenommen werden. Dadurch können schon jetzt die entsprechenden Eindrücke im Geist abgespeichert werden. Durch die Meditation entsteht eine Kraft, durch die die Verbindung zwischen der Gottheit und dem Praktizierenden verstärkt und seine spirituelle Entwicklung gefördert wird.

Die Ermächtigungszeremonie nach heutigem Ge­brauch besteht aus zwei bis vier oder mehr Einzel-Ermächtigung.

5. ) Ermächtigungen - verschiedene Formen

Wang oder Wang-chen: Vollständige Ermächtigung, die Praxis einer bestimmten Gottheit auszuüben, nach den entsprechenden Vorbereitungen (Retreat usw.) die Ermächtigung weiterzugeben und bestimmte tantrische Rituale auszuführen.

Jenang: Der Jenang, eine so genannte "Erlaubnis-Ermächtigung", wird im Tibetischen umschrieben mit dem Begriff Nü-dän-du ja-wa (nus Idan du bya ba ), das bedeutet etwa "Kraft besitzend machen". Es handelt sich dabei um die Erlaubnis für die Mantra-Rezitation und Sadhana-Meditation. Streng genommen soll nach den kanonischen Texten ein Jenang nur an Schüler gegeben werden, die vorher bereits einen Wang für eine beliebige Gottheit der gleichen oder einer höheren Tantra-Klasse erhalten haben. Weicht ein Lehrer davon ab und gibt dennoch schon vorher einen Jenang, z.B. als Segen, dann muss er bei der Erteilung des Jenang denjenigen Abschnitt überspringen, wo dem Schüler die Erlaubnis erteilt wird, sich selbst als Gottheit zu visualisieren. Das heißt, in diesem Fall darf der Schüler später in der Meditation nicht sich selbst als Gottheit visualisieren. Keinesfalls kann man also einen solchen eingeschränkten Jenang als Erlaubnis für die Sadhana-Praxis gelten lassen.

Lung: Mündliche Überlieferung durch Vorlesen mit dem Zweck, das Text-Studium durch den Segen des vorgetragenen Textes zu unterstützen bzw. die Rezitation von Mantras zu erlauben oder ihre Wirksamkeit zu verstärken. Derjenige, der den Lung erteilt, muss Ihn vorher selbst im Rahmen der Überlieferungslinie erhalten haben. Zweck des Lung ist es, die Überlieferung authentischer Texte zu sichern. Um Mantras rezitieren zu dürfen, braucht man also mindestens einen Lung.

Wichtig: Ausgenommen davon sind die allgemein bekannten Mantras, z.B. von Buddha Shakyamuni, Avalokiteshvara, Amitabha, Aryatara oder Manjushri, die jeder rezitieren darf.

6.) Verpflichtungen

Durch das Nehmen der Bodhisattva-Gelübde im Rahmen der Ermächtigung entsteht eine tantrische Lehrer-Schüler-Beziehung mit dem ausführenden Lama - mit allen dazugehörigen Konsequenzen (siehe Lam-Rim, Kapitel "Lehrer-Schüler-Beziehung" und "Die 50 Verse über die Beziehung zum Lehrer", Tib. "Lama Ngachupa" von Ashvaghosha).

Bei Yoga- und Annutarayoga-Ermächtigungen kommen zusätzlich tantrische Gelübde und die lebenslängliche Verpflichtung des Sechsfachen Guru-Yoga hinzu. Man muss sich vor der Ermächtigungen erkundigen, ob es darüber hinaus spezifische Verpflichtungen gibt, und wenn ja, welche. Es kann sich dabei zum Beispiel um eine Retreat-Verpflichtung zum Studium der Kommentare, um Sadhana-Meditationen und/oder Mantra-Rezitationen handeln. Verpflichtungen aus tantrischen Ermächtigungen müssen eingehalten werden.

Eine weitere Verpflichtung besteht in der Geheimhaltung. Um Verwirrung und andere negative Folgen zu vermeiden, darf man über Tantra-Ermächtigungen und die persönliche Praxis nur mit dem eigenen Lama sprechen - oder allenfalls mit Personen, die die gleiche Ermächtigung und festes Vertrauen in die Methode haben. Das gilt auch für gemeinsame Meditationen. Ausgenommen davon ist nur die Kalachakra-Initiation, von der gesagt wird, dass sie von Buddha Sakyamuni selber zur Erhaltung oder Erreichung des Friedens für das ganze Land gegeben wurde, während alle anderen Einweihungen nur für den Praktizierenden gegeben wurden.